... unterstützen
Akutfall - was tun?
Rehabilitation
Betreuung zu Hause
Versorgung in einer Einrichtung
... unterstützen
... informieren
Das Apallische Durchgangssyndrom
Frührehabilitation
Medizinische Versorgung
Hilfsmittel & Verordnungen
... informieren
... organisieren
Unsere Ziele
Kontakt
Veranstaltungen
Regionale Verbandsgruppen
... organisieren
Start -> Information
 

Basale Stimulation in der Pflege

Ich möchte Sie zu einer Begegnung einladen. Ich möchte, Sie verehrte Leserin und Leser, zu einer Begegnung mit Herrn M. und einigen Gedanken einladen.
Wir betreten einen Raum, um mit Herrn M. in Kontakt zu treten. Herr M., Mitte vierzig, sitzt in einem anatomisch geformten Rollstuhl am Fenster. Er wirkt hager, aber nicht dünn, hat blondes Haar, das leicht verschwitzt wirkt und ist mit T-Shirt, Jogginghose und Schuhen bekleidet. Wachkoma, Zustand nach Reanimation, tracheotomiert. Er hält die Augen geöffnet, die Arme sind in Beugespastik angewinkelt, der Oberkörper leicht nach hinten gelehnt.
 
 
Wie können wir zu Herrn M. einen Kontakt aufbauen? Was mag in ihm vorgehen? Wie erlebt er diese Situation, andere Menschen und vor allem sich selbst? Basale Stimulation in der Pflege ist ein Konzept, das nicht unmittelbare Antworten geben kann, vielmehr versuchen wir uns durch Fragen an einen anderen Menschen anzunähern. Der uns vielleicht die Antworten geben kann.

Basale Stimulation ist ein Konzept zur Förderung von Menschen in krisenhaften Lebenssituationen, in denen ihre Austausch- und Regulationskompetenzen deutlich vermindert, eingeschränkt oder dauerhaft behindert sind. Dabei stehen Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Kommunikation sowie zur Bewegung im Zentrum des Konzeptes. Durch einfache und grundlegende Austauschangebote und -hilfen sollen Kompetenzen (Fähigkeiten) erhalten, gesichert und aufgebaut werden. Basale Stimulation ist eine Form ganzheitlicher, körperbezogener Kommunikation für Menschen mit wesentlichen Einschränkungen (Fröhlich 2009).
Basale Stimulation in der Pflege wurde von dem Professor für Sonderpädagogik Andreas Fröhlich in der Zusammenarbeit mit geistig/körperlich mehrfach behinderten Kindern entwickelt wurde. In den 80-er Jahren wurde das Konzept zusammen mit der Krankenschwester Christel Bienstein (Krankenschwester, Diplompädagogin und Professorin für Pflegewissenschaft) in die Erwachsenenpflege erfolgreich übertragen. Heute ist es ein in Deutschland etabliertes Förderkonzept und wird in vielen Einrichtungen geschult wie auch praktisch umgesetzt.

Wir gehen in diesem Konzept davon aus, dass jeder Mensch wahrnehmungs- und erlebnisfähig ist, auch, wenn dies von außen nur schwer zu beurteilen ist. So wissen wir, dass auch Menschen im Koma und Wachkoma bruchstückhaft, verzerrt, wie durch und in einem Nebel erleben und spüren können und manchmal gelingt es uns, durch diesen Nebel zu dem einzelnen Menschen durchzudringen. Dies gelingt aber nie auf Aufforderung oder Kommando. Vielmehr gehen wir davon aus, dass jeder Mensch immer Subjekt seiner eigenen Entwicklung ist, wir ihn nicht heilen können, sondern immer nur solche Bedingungen schaffen können, unter denen er seine Fähigkeiten selbst weiterentwickeln kann. Basale Stimulation fordert nicht, sie ist voraussetzungslos, sie bietet an. Es geht darum, die Möglichkeiten und Kompetenzen des anderen zu erkennen, dem anderen zu ermöglichen, sich selbst und andere wahrzunehmen und ihm einen Zugang zu dieser Welt zu ermöglichen.

Basale Stimulation in der Pflege wirft daher Fragen auf:

Wo kommt Herr M. her?
Wozu ist Herr M. in der Lage, was kann er? Wie kommuniziert er?
Wohin will Herr M.? Was ist ihm im hier und jetzt von Bedeutung?

Beginnen wir mit der ersten Frage: wo kommt Herr M. her, welche Lebenserfahrung bringt er mit? Wir wissen von Menschen im Wachkoma, dass nur selten das komplette Großhirn zerstört ist, vielmehr scheint es so zu sein, dass mehr oder weniger Inseln noch vorhanden sind, in denen Bewusstseinsprozesse statt finden können. Wir wissen nur nicht, welche. Wir können aber davon ausgehen, dass es einfacher für ihn - und für uns - sein wird, wenn wir an etwas für ihn Bekanntem anknüpfen als wenn wir für ihn fremde Angebote machen.

Herr M. ist verheiratet, war Handwerker und hat hart gearbeitet, um das Haus abzubezahlen. Er sprach hochdeutsch und auch platt, mochte Rockmusik und deutsche Schlager, liebte seinen Fußballverein. Gegessen hat er fast alles, getrunken Wasser und ab und zu auch mal ein Bier. Diese Informationen erlauben zwar einige Hypothesen (Vermutungen), wir müssen sie aber auch kritisch prüfen, ob sie ihm jetzt noch von Bedeutung sind. Und sie sind zu dürftig, um einen Menschen zu beschreiben. Wir müssen also dringend mit seiner Ehefrau reden.

Kehren wir zurück zu Herrn M. Der Raum, in dem wir uns befinden, wirkt ruhig, es sind nur leise Geräusche von außen zu hören, vom Stationsflur, Vogelgezwitscher von draußen und ab und zu ein Auto. Wir nähern uns Herrn M., sprechen ihn an "Hallo, Herr M." und bewegen uns in sein Gesichtsfeld. Er bewegt seine Augen nicht, blinzelt aber häufiger und bewegt den Kiefer etwas. Vielleicht war da auch eine leichte Bewegung im linken Ellenbogen.
Hat er uns gehört oder gesehen? Hat die Ansprache mit seinem Nachnamen etwas in ihm bewegt? Muss die Stimme moduliert werden, langsamer gesprochen werden? Kann er uns überhaupt sehen oder sind wir nur wie ein Schatten für ihn? Blendet ihn vielleicht das Licht des Fensters, sodass er nichts sehen kann?
Handwerker grüßen sich üblicherweise mit dem Vornamen und -wenn sie plattdeutsch können - auch eher mit einem "Moin Moin". Ein Handschlag, ein Schulterklopfen, etwas Handfestes. Wir bewegen uns noch näher in sein Gesichtsfeld und sprechen ihn mit Vornamen an, Moin Moin. Er blinzelt wieder, bewegt den Kiefer und bewegt dann auch die Augen, zieht leicht beide Arme an. Sicherlich hat ihn diese Ansprache erreicht, doch welche Bedeutung hat es für ihn? Wie könnte Herr M. mit uns kommunizieren? Was kann Herr M.?

Herr M. ist zunächst körperlich anwesend und damit zugleich "Anrede an die Welt" (Zieger). Inwiefern er seinen Köper spüren kann, wissen wir (noch) nicht. Er ist dazu in der Lage, in seinen Armen einen hohen Muskeltonus aufzubauen und reguliert ihn zwar nicht willentlich, aber dennoch selbst. Er kann schwitzen. Er kann die Augen öffnen und schließen, vielleicht auch sehen. Er kann seinen Kiefer bewegen. Er kann sich anspannend und entspannen. Er kann schlafen und wach sein. Er scheint auch aufmerksam sein zu können, dies aber nicht 24 Stunden am Tag. Er atmet und kann seine Atmung auch selbst steuern, er kann schneller, langsamer, flacher und tiefer atmen.
An dieser Aufzählung von Fähigkeiten wird deutlich, dass Basale Stimulation nicht versucht, einen Menschen an seinen Defiziten zu beschreiben, um dann die Unfähigkeiten zu kompensieren. Vielmehr versuchen wir Potentiale zu entdecken und Möglichkeiten zu eröffnen. All seine Fähigkeiten, die eben beschrieben worden sind, können wir unterstützen und nutzen zur Kommunikation.

Hierzu sind nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch unsere Fähigkeiten wichtig. Wir müssen in der Lage sein, Herrn M. gut zu beobachten, ihn "lesen" zu können und vielleicht kleinste Signale wahrnehmen und interpretieren zu können. Wir müssen seine Bedürfnisse und - soweit es uns möglich ist - auch sein Bewusstsein einschätzen können. Wir brauchen die Fähigkeit zur Tages- und Lebensgestaltung und schließlich müssen wir dazu in der Lage sein, empathisch (einfühlsam, zugewandt) erkennen zu können, was ihm von Bedeutung sein könnte, wohin er sich entwickeln kann.

Wir versuchen es noch mal. Wir beobachten ihn genauer, seinen Augenausdruck, seine Atmung, seine Muskelspannung und fragen uns, wie sich jemand fühlen könnte, der seit einiger Zeit in einem Rollstuhl sitzt, seine Fähigkeiten hat und angesprochen wird.
Eine Ansprache mit dem Vornamen ja, aber ein langsamerer Rhythmus in Sprache und Berührung könnten von Bedeutung sein, eine handfeste Berührung. Er verändert die Spannung der Arme, also antworten wir dort vielleicht? Wir sprechen ihn noch mal an, langsam, setzen uns zu ihm und berühren ihn außen am Oberarm, fest, eindeutig, ohne zu fordern, die Hand passt sich seiner Körperform an. Wir spüren den Muskeltonus, die Atmung des Brustkorbes, eine leichte Bewegung. Was mag in ihm vorgehen? Spürt er diese Berührung? Ist sie zu fest? Zu nahe? Er beugt beide Arme ganz leicht, also antworten wir, indem wir über beide Arme nachmodellierend streichen. Wieder ein fester Druck, das vielleicht ein Spüren, eine Sicherheit in diesem veränderten Körper ermöglicht. Seine Atmung wird etwas tiefer und langsamer. Wir gleiten also an den Armen zu den Händen und bewegen ganz leicht seine Hände im Rhythmus seiner Atmung, millimeterweise. Sein Muskeltonus verändert sich, er scheint lockerer zu werden, geht er mit? Fast automatisch atmen wir in dem selben Rhythmus, nicht so tief, aber wir nähern uns ihm an. Er kann seine Arme nun etwas öffnen, vor allem den linken. War da eine leichte Kopfbewegung? Wir bewegen weiter die Hände, schließen die Unterarme mit ein, synchron zu seiner Atmung. Es ist möglich, hierzu auch noch zu summen, in dem gleichen Rhythmus, aber dies könnte ihn vielleicht auch ablenken, wir konzentrieren uns auf die Bewegung und Atmung (merken es uns aber für später).

Herr M. scheint die Berührung und Bewegung wahrnehmen zu können, doch ist dies auch eine Einladung für ihn, sie weiter zu entwickeln? Was ist ihm von Bedeutung, hier und jetzt in dieser Situation? Was ist sein Ziel?

Um sich der Lebenswirklichkeit eines anderen Menschen annähern zu können, haben Bienstein und Fröhlich die so genannten zentralen Ziele formuliert. Ziele, die uns helfen, die Situation mit anderen Augen - denen der anderen - zu betrachten und quasi innerlich einen Schritt zurück zu treten und versuchen, das Ganze zu erblicken. Diese Ziele sind:

Zentrale Ziele des Konzeptes Basale Stimulation:
  • Leben erhalten und Entwicklung erfahren
  • Das eigene Leben spüren
  • Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen
  • Den eigenen Rhythmus entwickeln
  • Außenwelt erfahren
  • Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten
  • Sinn und Bedeutung geben
  • Sein Leben gestalten
  • Autonomie und Verantwortung leben

Daneben haben wir persönlich noch andere Ziele: die Spastik soll lockerer werden, Druckgeschwüre vermieden werden, die Ernährung gesichert und wir müssen uns auch um Frau M. kümmern. Aber dies sind "unsere" Wichtigkeiten und für Herrn M. vielleicht gar nicht von Belang.

Herr M. scheint Berührungen zu spüren, ihm ist vielleicht auch die Ansprache von Bedeutung. Könnte es das eigene Leben spüren sein, eventuell auch Beziehungen aufnehmen und Begegnung gestalten? Wir halten dies als Arbeitshypothese fest und versuchen es weiter.

Wir modellieren seinen linken Arm noch mal, bleiben dabei in seinem Atemrhythmus und unterstützen ihn dabei, sich zu spüren. Die Bewegung wird lockerer, die Beugung lässt nach. Weiter ein rhythmisches Berühren, etwas fester, ohne zu ziehen. Plötzlich seufzt er und dreht den Kopf ein bisschen. Ein Seufzen, heißt dies "mach weiter" oder "jetzt ist genug!"? Wie können wir einen Menschen ganzheitlich "lesen" und interpretieren? Wir modellieren ein letztes Mal seinen Arm nach, belassen die Hände in einander und sprechen ihn noch einmal langsam mit seinem Vornamen an. Wir begegnen ihm, und er vielleicht auch uns. Wir entwickeln Gemeinsamkeiten einer Begegnung.

Basale Stimulation in der Pflege ist vor allem Beziehungsarbeit (frei nach Fröhlich).

Peter Nydahl
Krankenpfleger, Kurs- und Weiterbildungsleiter für Basale Stimulation in der Pflege, Pflegeexperte für Menschen im Wachkoma
www.nydahl.de, www.basale-stimulation.de


 
 
DOWNLOADS

Diesen Artikel als PDF-Datei downloaden.
Diesen Artikel als DOC-Datei downloaden.
Start | Sitemap | Kontakt | Webmaster | Nutzungshinweise | Haftungsausschluss | Impressum | Nach oben